Ausgerechnet beim Ministerinnen-Besuch fällt das W-Lan aus

Voltaire-Schule in Potsdam

Die Potsdamer Voltaire-Schule arbeitet beispielhaft mit Computern. Zwei Ministerinnen überzeugten sich vor Ort. Dabei klappte allerdings nur scheinbar alles wie geplant.

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MM1MM2Fotos: A. Klaer
Von Jana Haase

Potsdam - Stell dir vor, zwei Bildungsministerinnen besuchen eine Schule, um sich über vorbildhafte digitale Lernmethoden zu informieren – und dann fällt das W-Lan aus. Vor dieser Situation stand am Mittwoch die Voltaireschule in der Potsdamer Innenstadt. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und ihre Brandenburger Amtskollegin Britta Ernst (SPD) hatten sich zum Besuch in der Gesamtschule angemeldet, weil dort schon seit langem und in vielen Fächern mit Computern gearbeitet und Neues ausprobiert wird, wo manche Schüler sogar komplett von Papier auf Rechner umstellen konnten. Aufzeichnungen werden auf „Google Classroom“, einer internetbasierten Lernplattform für Schulen, gespeichert und können von überall aus abgerufen werden. „Das ist unglaublich praktisch, es gibt keinen Zettelsalat mehr“, wie es ein Schüler aus dem 13. Jahrgang beschreibt.

Die Schule hatte vorgesorgt

Seit vergangenem Freitag gebe es einen Internetausfall: „Dienstag ging es eigentlich wieder.“ Am Mittwoch sei das W-Lan dann instabil gewesen. Die Lehrer seien aber ohnehin auf Technikprobleme vorbereitet: „Wir haben immer einen Notfallplan.“ Pölk wünscht sich dringend mehr Personal bei der zuständigen IT-Abteilung im Rathaus: „Die Stadt muss mehr Leute einstellen!“

Der Personalengpass im IT-Bereich sorgt schon seit Monaten für enorme Wartezeiten: So zieht sich unter anderem die Installation von neuen Computern für 15 Schulen, die im vergangenen Jahr gekauft wurden, voraussichtlich noch bis zu den Sommerferien hin. Die offenen Stellen sind immer noch nicht besetzt, wie Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos) den PNN am Mittwoch sagte: „Wir sind in Bewerbungsgesprächen.“

Goethes Faust wird mit Laptops auf dem Schoß analysiert

Was mit entsprechender Technik möglich ist und wie sie das Lernen an der Voltaireschule schon verändert hat, das wurde am Mittwoch bei Hospitationen in drei Klassen dennoch deutlich. Im Deutschunterricht in der zehnten Klasse etwa arbeiteten die Schüler zu Goethes „Faust“ – mit Laptops auf den Knien: Thema war die Entwicklung von Gretchen. Um die Figur zu analysieren, haben die Schüler im „Google Classroom“ eine Art Tabelle angelegt mit allen Szenen, in denen Gretchen auftaucht. Auf das Dokument haben alle Schüler Zugriff. In Kleingruppen wurden dann jeweils einzelne Szenen analysiert: Was passiert? Ist Gretchen eher passiv oder aktiv? Gibt es ein Muster dafür, wann sie „Margarethe“ und wann „Gretchen“ genannt wird?

Neben kurzen Texten erstellten die Schüler auch Gifs, also Kurzanimationen, in denen das Geschehen der Szene auf den Punkt gebracht wird. Das sei eine Idee der Schüler gewesen, sagte Lehrer und Oberstufenkoordinator Björn Nölte den PNN: „Ich wusste auch nicht, wie man diese Gifs hochladen kann.“ Aber das habe man sich gemeinsam erarbeitet.

Die Schüler stellen ihren Lernfahrplan selbst zusammen

Im Geschichtsunterricht in der elften Klasse wird kursübergreifend gearbeitet: Die Schüler können sich ihren Lernfahrplan selbst zusammenstellen. Auch dabei spielt die Plattform eine wichtige Rolle, wie zwei Elftklässlerinnen Bildungsministerin Karliczek erklärten: Von fünf angebotenen Themenfeldern können die Schüler vier auswählen, zu denen sie sich dann jeweils für Workshops und Projekte melden können. Den eigenen Lernfortschritt bewerten die Schüler in sogenannten „Ich-kann-Listen“ mit verschiedenen Farben: von Schwarz wie „noch nicht bearbeitet“ bis Grün für „so gut verstanden, dass ich es anderen erklären kann“. Anhand der Listen könne man sich auch Mitschüler für eine Zusammenarbeit oder Hilfe suchen. Auch die Lehrer haben Zugriff auf die Dokumente und können Hinweise geben. Die Arbeit mit „Google Classroom“ beginnt bereits in der sechsten Klasse.

Seit einem guten halben Jahr arbeitet die Voltaireschule mit Google in einem Pilotprojekt zusammen, erklärte Oberstufenkoordinator Björn Nölte. Die Schule bekam unter anderem 30 spezielle Laptops zur Verfügung gestellt – inklusive Einrichtung: „Ein Tag Lieferzeit, an einem Tag angeschlossen.“ Zum Projekt gehören auch Schulungen von Lehrkräften. Die Google-Plattform sei datenschutzrechtlich unbedenklich, sagt Nölte: „Google Classroom“ habe vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik die höchste Zertifizierung C5 bekommen.

Sogar Klausuren können am Computer geschrieben werden

Auch Klausuren können die Schüler in einigen Fächern am Computer schreiben – es bleibe aber jedem freigestellt, das weiter in Handschrift zu tun, betont Nölte. Von den rund 860 Schülern seien mittlerweile rund 670 bei der Lernplattform angemeldet, bei den Lehrern seien es etwa zwei Drittel. Für die Lehrer ist die Nutzung der Lernplattform freiwillig, wie Schulleiterin Pölk sagte: „Wir hätten auch gar nicht die Ausstattung, dass wir das allen ermöglichen könnten.“ 55 iPads, 20 Laptops und die 30 Chromebooks von Google gebe es neben den sechs Computerräumen: „Die älteren Schüler bringen auch mal ihre eigenen Endgeräte mit.“ Das könne man aber natürlich nicht vorschreiben.

Bundesbildungsministerin Karliczek hält das Engagement von Google an Schulen für unproblematisch: „Wichtig ist, dass der Datenschutz gesichert ist“, sagte sie auf PNN-Nachfrage. Bekanntlich hat der Bund gemeinsam mit dem Hasso-Plattner-Institut (HPI) eine eigene Lernplattform, die Schul-Cloud, gestartet.

Mit dem Digitalpakt für Schulen hat der Bund jüngst ein Fünf-Milliarden-Euro-Programm beschlossen – umgesetzt werden muss es auf Landesebene. Wann genau die ersten Gelder in Brandenburg fließen, sei noch unklar, sagte Landesbildungsministerin Britta Ernst den PNN. Es soll „in diesem Jahr passieren“, so die Ministerin: „Es wird jede Schule in Brandenburg profitieren.“

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An dieser Potsdamer Schule sind Handys im Unterricht Pflicht

Handyverbot an Schulen

Smartphone können im Unterricht zum Schummeln missbraucht werden. An einigen Schulen dürfen diese nicht gebraucht werden – auch um Ablenkung zu vermeiden. Karen Pölk, Schulleiterin des Potsdamer Voltaire-Gesamtschulcampus, setzt Smartphones dagegen im Unterricht ein.

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Von Peter Degener

Innenstadt. Karen Pölk ist seit 2011 Schulleiterin des Voltaire-Gesamtschulcampus mit gymnasialem Bildungsgang. Ihr eigenes Smartphone hat sie während des Unterrichts nie dabei – stattdessen einen Laptop oder ein iPad mit jenen Apps, die ihre insgesamt 840 Schüler zumeist auf ihren eigenen Geräten nutzen.

Wo haben Ihre Schüler ihre Smartphones während des Unterrichts?

Karen Pölk: Es gibt bei uns kein Handyverbot, weil wir das nicht für funktional halten. Seit vier Jahren haben wir hier einen Handyvertrag, den jeder Schüler unterschreiben muss. Das persönliche Smartphone eines Schülers gehört bei uns nach dem Prinzip „Bring your own Device“ (zu deutsch etwa: „Nutze Dein eigenes Gerät“) zum Unterricht dazu. Die Schüler haben Lern-Apps installiert und ihre Präsentationen darauf gespeichert, recherchieren damit, schlagen in Wörterbüchern nach und nutzen die Telefone in Absprache mit den Lehrern.

Handys auch privat im Unterricht nutzen?

Was passiert bei privater Nutzung im Unterricht? Wird dann das Gerät eingezogen?

Dass sich die Schüler auch private Nachrichten schicken, können wir natürlich nicht ausschließen. Das Einziehen ist bei den Jüngsten nach Ermahnung ein Weg. Sie müssen es dann am Ende des Schultags im Sekretariat abholen. Beim zweiten Mal direkt bei mir. Wir haben aber seit anderthalb Jahren kein Handy mehr eingezogen.

Smartphones bieten laut Ihrer Homepage „motivierende und kreative Unterrichtszenarien mit Apps“ – wie sieht so ein Unterricht aus?

Wir haben ein Medienkonzept, das beinhaltet, wie Medien im Unterricht eingesetzt werden, aber auch, wie man überhaupt lernt, mit Medien umzugehen. Da geht es um Recherche, aber auch um Cybermobbing. In den meisten Fächern nutzen wir mittlerweile regelmäßig Apps, in denen die Materialien digital zur Verfügung stehen. Dazu kommen sehr spezielle Lern-Apps. In Musik setzen die Lehrkräfte beispielsweise eine App ein, mit der man komponieren kann. Die Schüler lernen bei uns aber nach wie vor, wie man einen Zeitungsartikel schreibt oder ein Plakat gestaltet. Und wir vermitteln ihnen, wie sie selbst ein gutes Lernvideo, wie sie es von Youtube kennen, herstellen. Ältere Schüler entwickeln damit dann Inhalte für die Kleineren.

Welche Erfahrung haben Sie mit diesem Unterricht gemacht?

Wir stellen eine größere Zufriedenheit bei den Schülern fest, weil sie in ihrem eigenen Lerntempo arbeiten können. Früher gab es Frustration bei denen, denen es zu langsam ging. Die können sich nun jemanden suchen, mit dem sie gemeinsam weiter gehen. Genauso gilt, dass die, denen etwas schwerer fällt, nicht abgehängt werden. Insgesamt stellen wir verbesserte Noten fest. Das liegt am veränderten Lernprozess. Die Schüler setzten sich im Gegensatz zum Frontalunterricht aktiv mit dem Material auseinander und das ist sehr nachhaltig.

Wenn ein Schüler kein Smartphone besitzt

Nicht jeder Schüler hat ein Smartphone. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben über 65 Tablets, die von den Lehrern mit einem digitalen Kalender gebucht werden können. Das wird sehr rege nachgefragt. Wir könnten noch deutlich mehr Geräte gebrauchen.

Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) hatte sich dafür ausgesprochen, private Geräte der Schüler landesweit in den Unterricht zu integrieren, dann wurden jedoch Datenschutzbedenken laut. Wären einheitliche Regeln für alle Schulen sinnvoll?

Wir befürworten nach unseren Erfahrungen die Nutzung der Privatgeräte natürlich und haben den Vorstoß der Ministerin sehr begrüßt. Eine Richtlinie des Ministeriums wäre gut, aber jede Schule sollte auf dieser Grundlage den Umgang im Rahmen ihres Profils ergänzen können. Zur Sicherheit kann ich sagen, dass unsere Oberstufe seit Anfang 2018 das Schul-WLAN nutzen darf, das gesichert und mit Filtern ausgestattet ist.

Welcher Teil des Lernens kann trotz aller Digitalisierung eigentlich nicht über einen Bildschirm abgewickelt werden?

Die Beziehung vom Schüler zum Lehrer, denn sonst könnten dank der Technik auch alle zu Hause bleiben. Aber sie in der Schule zu begleiten, mit ihnen zu diskutieren, damit sie sich gehört fühlen und mit ihnen auch über Privates zu reden – daran lernen die Schüler auch.

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Den einzelnen Schüler im Blick

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Header01An der Voltaireschule Potsdam sind Lernvideos ein möglicher Zugang für die Schüler. Neben diesem sehenden gibt es bei Mathematiika noch den lesenden und den forschenden Zugang. (Foto: Tina Umlauf / Forum Bildung Digitalisierung)
Es gab da diesen Moment, diesen einen Punkt, nach dem es kein Zurück mehr gab. „Wir haben uns angeschaut und festgestellt, irgendetwas hat da gerade ‚klick‘ gemacht“, erinnert sich Geschichtslehrer Philipp Lange. Dieser Moment ereignete sich im Juni 2017 auf dem Rückweg von Leipzig nach Potsdam: Philipp Lange war zusammen mit seiner Kollegin Anne Lieder beim Netzwerktreffen vom Forum Bildung Digitalisierung gewesen und in den Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern aus ganz Deutschland ist ihnen klar geworden: „Wir müssen unsere Idee jetzt anpacken und verwirklichen – jetzt ist der richtige Zeitpunkt.“

Direkt in der ersten Woche der Sommerferien haben die beiden zusammen mit ihrem Kollegen Gordon Schwedt angefangen, ihre bisherigen Versuche eines kooperativen Unterrichts in ein umfängliches Konzept zu verwandeln. Entstanden ist „GeschICHte“.

Kompetenzen selbst einschätzen: „Ich kann das“

Heute – über ein Jahr später – ist dieses neue Konzept, bei dem das ICH der Schüler ganz klar im Mittelpunkt steht, schon fester Bestandteil der Voltaireschule Potsdam. Wichtig war den drei Geschichtslehrern, dass nicht mehr die Lehrkraft vorne an der Tafel die Hauptperson ist, sondern jede Schülerin und jeder Schüler diese Rolle für sich selbst einnimmt. „Medien sind dabei nur der Deckmantel. Es geht um die Veränderung der Unterrichtskultur“, erklärt Philipp Lange.

Er unterrichtet an diesem regnerischen Morgen zusammen mit seinem Kollegen Gordon Schwedt Geschichte in der elften Klasse. Sie haben ihre zwei Oberstufenkurse zusammengelegt und kommen nun auf insgesamt 50 Schülerinnen und Schüler. Das Thema in diesem Halbjahr setzt sich aus zwei Themenfeldern zusammen: „Herrschaftsformen und Islam“. Einen Schwerpunkt innerhalb eines dieser Themenfelder sollen die Jugendlichen selbst wählen und am Ende des Schuljahres mit einem eigenen Projekt abschließen. „Wir haben versucht, einen Ansatz zu finden, bei dem jeder Schüler einen eigenen Weg finden kann, an das Fach Geschichte heranzugehen und seinen Arbeitsprozess selbst zu steuern“, fasst Gordon Schwedt das Konzept zusammen.

Konkret sieht der Unterricht so aus: In den ersten zehn Minuten versammeln sich alle Schülerinnen und Schüler in ihrem Kursraum, um aktuelle Fragen mit den Lehrern zu klären und über anstehende Aufgaben zu sprechen. An diesem Morgen erinnert Philipp Lange noch einmal alle daran, sich in die „Ich kann“-Listen auf der Moodle-Plattform einzutragen. Jeder Schüler muss in diesen Übersichtstabellen eintragen, wie er sein Wissen in den einzelnen Themenbereichen einschätzt und kann dabei zwischen verschiedenen Kategorien für sich wählen: „Ich weiß das und könnte es erklären“, „Ich glaube, ich kann das“, „Ich glaube, ich muss noch üben“, „Das muss ich noch üben und/oder benötige Hilfe“ oder „Das habe ich noch nicht bearbeitet“. Am Ende ergibt sich für den Kurs ein buntes Kompetenzraster, das jeder einsehen kann. Bei Moodle laden die Lehrer außerdem Texte, sinnvolle Links oder Erklärvideos hoch, mit denen die Schüler sich einen Überblick verschaffen können, bevor sie selbst beginnen, zu recherchieren.

Individuelles und kreatives Arbeiten

Nachdem an diesem Vormittag alle Fragen geklärt sind, geht es für den Rest der Doppelstunde in die Freiarbeit. Geschichtslehrer Gordon Schwedt bietet in einem Raum einen kleinen Workshop an – die Teilnahme daran ist freiwillig. Immerhin sechs Elftklässler haben Lust, sich zum Thema „Der Islam, die islamische Welt und der Westen“ auszutauschen und das selbst erarbeitete Wissen dadurch zu festigen. Ihre Klassenkameraden finden sich derweil in Gruppen zusammen, um an verschiedenen Orten im Schulgebäude weiter an ihren Projekten zu arbeiten. Dafür dürfen sie ihre eigenen technischen Geräte benutzen.

Die vier Mädchen Anastasia, Apollonia, Johanna und Catharina haben sich einen Tisch im sogenannten Lichthof der Schule gesucht. Dort können sie in Ruhe über ihre Ideen diskutieren und Fragen klären: Wer fühlt sich bei welchem Thema sicher? Wer übernimmt wann welche Aufgabe? Anhand eines Musters erstellen sie Arbeitspläne und formulieren dort auch auftretende Probleme. Dabei erarbeiten sich die Schülerinnen neben den fachlichen auch soziale und personale Kompetenzen, die sie im späteren Leben brauchen: im Team arbeiten, sich gegenseitig Feedback geben, sich selbst einschätzen und organisieren.

„Es ist auf jeden Fall ganz anders als der sonstige Unterricht“, meint Catharina. „Wir sind komplett selbstverantwortlich für unsere Projekte und müssen uns gut abstimmen. Aber man lässt sich auch schneller auf Themen ein, wenn man sie selbst recherchiert.“ Anastasia nickt: „Der Unterricht ist außerdem viel individueller, man kann wählen, was einen anspricht. Am Ende stehen dann nicht fünf identische Vorträge, sondern ganz viele kreative Projekte.“ Sie erinnert sich an das vergangene Halbjahr: Zum Thema Frauenbild in der Antike sind beispielsweise ein Brettspiel, ein Online-Quiz, ein Gemälde mit Bildinterpretation, Filme und Radiobeiträge entstanden.

Anfängliche Skepsis überwunden

Für die vier ist es schon das zweite gemeinsam Projekt im Rahmen von „GeschICHte“. Catharina erinnert sich an die Schwierigkeiten zu Beginn: „Ich habe schon länger gebraucht, um überhaupt in dieses neue System reinzukommen und ich weiß, dass es anderen auch so ging.“ Sie überlegt kurz: „Es braucht einfach eine andere Arbeitsmoral, das gefällt natürlich nicht jedem.“ Über die Zeit habe es sich dann aber bei den meisten eingespielt.

Umso wichtiger war es, dass die Lehrkräfte selbst von ihrem Konzept überzeugt waren. „Auch für mich hat sich der Unterricht natürlich verändert“, sagt Anne Lieder – ihre Rolle als Lehrerin sei eine andere geworden, ebenso die Art der Unterrichtsvorbereitung und ihre Haltung gegenüber den Schülern. „Ich bin mehr Begleiterin im individuellen Lernprozess. Das bedeutet, ich muss meinen Schülern mehr vertrauen, sie auch Fehler machen lassen und wissen, dass ich nicht alles kontrollieren kann.“ Doch genau dieser prozessorientierte Weg sei der richtige – auch wenn man dafür manchmal Um- oder Irrwege in Kauf nehmen müsse.

Inzwischen sind auch viele Kolleginnen und Kollegen neugierig auf das neue Konzept und schauen sich einzelne Elemente davon ab. Ein Effekt, auf den Björn Nolte im Zuge der Digitalisierung verstärkt hofft: „Wir haben als Schule kein einheitliches, festgeschriebenes Medienkonzept“, erklärt der Oberstufenkoordinator, „sondern wir versuchen, in Zusammenarbeit mit dem Schulträger die technischen Voraussetzungen zu schaffen und setzen inhaltlich auf Einzelinitiativen.“ Von diesen Einzelinitiativen gibt es an der Voltaireschule in den verschiedenen Fachbereichen inzwischen eine ganze Reihe. Ein weiteres Beispiel dafür ist das Konzept „Mathematiika“.

Freies Arbeiten im Matheunterricht

Im Mathematikunterricht der achten Klasse von Juliane Liebig sieht es auf den ersten Blick chaotisch aus, auf den zweiten Blick erkennt man, dass es sich vielmehr um ein geschäftiges Treiben handelt. Denn die Schülerinnen und Schüler arbeiten zwar individuell an ihren Aufgaben – gleichzeitig unterstützen sie sich aber in ihrem Weiterkommen und tauschen sich immer wieder aus. Mathematiika ist ein Freiarbeitskonzept für den Mathematikunterricht, das Sebastian Grabow und Lena Florian 2016 entworfen und an der Voltaireschule Potsdam eingeführt haben. Es verfolgt das Ziel, jedem Schüler einen passenden Zugang zum Fach Mathematik zu bieten – es gibt den lesenden, den sehenden und den forschenden Zugang. Unabhängig vom Lernweg müssten am Ende dann aber alle Schüler die gleichen Aufgaben erledigen und wie bei „GeschICHte“ ihre erworbenen Kompetenzen einschätzen, erklärt Juliane Liebig. Dazu ruft sie vorne am Smartboard eine dynamische Tabelle mit allen Namen auf, in der sich die Achtklässler während der Stunde eintragen können.

Die 13-jährige Lotti ist erst seit diesem Schuljahr an der Voltaireschule Potsdam und ihr gefällt die neue Art des Unterrichts: „Ich kann mich auf meine Schwächen konzentrieren und muss nicht die Angst haben, abgehängt zu werden.“ Das, was sie nicht versteht, lässt sie sich in Ruhe erklären – vom Lernvideo oder live von Frau Liebig. Ihrer Mitschülerin Luisa gefällt der Unterricht nun auch besser: „Im Frontalunterricht bin ich häufig nur schwer mitgekommen. Es war schwieriger alles auf Anhieb zu verstehen.“ Seit Mathematiika bekommt sie nun auch bessere Noten. Und Toni, der sonst immer auf alle anderen warten musste, freut sich, dass er nun schneller vorankommt. Er kann dann in der Kompetenztabelle beim aktuellen Thema eintragen „Ich könnte es jemandem erklären“. Bei Schwierigkeiten können sich seine Mitschüler dann auch an ihn wenden.

So nimmt der Austausch an der Schule zu – unter den Schülern, unter den Lehrern, aber auch zwischen Schülern und Lehrkräften. „Viele Kollegen sehen es als Chance, mit den Schülern gemeinsam zu lernen“, bestätigt Björn Nölte. Denn im Austausch entstehen wiederum neue Ideen für die Zukunft.

Text: Laura Millmann, Fotos und Film: Tina Umlauf

INFOKASTEN: Veränderung durch Medien

Die Voltaireschule Potsdam hat bereits 1996 mit integrativer Medienarbeit begonnen. Auslöser waren Medienberichte über den schwierigen Schulstandort. Zu der Veränderung gehörte beispielsweise die Einführung des Faches Medien und Kommunikation (MuK) im Jahr 1997. Nach und nach wurden Medien dann in alle Lehr- und Lernprozesse aller Fächer in allen Jahrgangsstufen integriert – zunehmend handelte es sich dabei um digitale Medien. Um den Einsatz von Medien sinnvoll mit dem Unterricht zu verknüpfen hat die Voltaireschule Potsdam schon früh Mediencurricula in die schulinternen Rahmenpläne integriert. All dies hat das Schulklima und das Image der Schule langfristig verbessert.

2015 schlossen sich insgesamt 17 Schulen in Potsdam zu dem Netzwerk „Schulen einer Stadt“ zusammen, um schultypenübergreifend an Projekten zu arbeiten. Von der Voltaireschule sind fünf Lehrkräfte an dieser Netzwerkarbeit beteiligt. Gemeinsames Ziel aller Schulen ist es, neue Lernkulturen zu entwickeln. Seit März 2017 sind die „Schulen einer Stadt“ ein Projekt der Deutschen Schulakademie.

Link zum vollständigen Presseartikel, einschließlich Film.

Riskanter Eingriff

DISKUSSION ÜBER POLITIK

Schüler der Voltaireschule diskutierten mit Europastaatssekretärin Anne Quart über die Rolle der EU.

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B1Abwägungsfragen. Schüler diskutierten mit Staatsekretärin A. Quart (M.).
Foto: A. Klaer
Von Birte Förster

Welche Rolle spielt die Europäische Union bei aktuellen internationalen Konflikten? Und welche sollte sie spielen? Diese Fragen diskutierten Schüler der Voltaireschule im Rahmen des Europatages am Mittwoch mit Brandenburgs Europastaatssekretärin Anne Quart (Linke). Bei dem Gespräch mit 24 Schülern der achten und zehnten Klassen in einem Klassenraum des Schulgebäudes in der Lindenstraße wurde schnell deutlich: Zum Thema Europa und EU haben alle etwas zu sagen, die Jugendlichen vertreten klare Meinungen. Sie würden der EU positiv gegenüberstehen, sagt der Sprecher einer der Gruppen, in denen die Schüler zuvor über verschiedene Themen diskutiert hatten.

Dennoch: Bei vielen wirft die aktuelle Europapolitik Fragen auf – wie bei der Rolle der EU im Syrien-Krieg. Militärisches Eingreifen oder neutraler Vermittler? Sie könne zwar verstehen, dass sich die EU zurückhält, militärisches Eingreifen riskant sei, sagte zum Beispiel die 15-jährige Mathilda Thiele. Sie würde sich aber eine stärkere Positionierung wünschen, „dass die EU stärker für ihre Werte eintritt“. Ein anderer Schüler sprach sich für eine militärische Lösung aus. Zwar gebe es dabei Opfer, aber es sei die schnellere Lösung, die vermeiden würde, dass der Krieg langfristig viel mehr Opfer hervorbringe.

Die langfristigen Vorteile einer diplomatischen Lösung beschrieb der 16-jährige Arwed Ruß besonders anschaulich: Wenn zwei Menschen sich auf der Straße streiten, könnte ein Dritter sie auseinanderbringen, um sie davon abzuhalten. Das entspräche einem militärischen Eingriff. Dann sei es aber möglich, dass sich der Streit bei einer erneuten Begegnung wiederholt. Wenn der Dritte aber als Vermittler auftrete und im Gespräch mit beiden eine Lösung gefunden werde, verlaufen auch die weiteren Treffen friedlich. Es sei kein leichter Weg, aber eine friedliche Lösung sei langfristig tragfähiger, fand auch die Europastaatsekretärin.

Die Schüler diskutieren außerdem über die Aufnahme von Geflüchteten und die Solidarität zwischen Mitgliedsstaaten. Thema sind auch die nachbarschaftlichen Beziehungen Brandenburgs zu Polen. Im Rahmen des Europatages ist an der Schule außerdem ein Besuch des serbischen Botschafters zum Thema Aufnahme in die EU geplant.

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