Der Wahlgrundkurs "Propädeutik" an der Voltaire-Gesamtschule Potsdam

Die Idee und die ersten Schritte

Was ist denn Propädeutik?
Wozu brauche ich einen zusätzlichen Kurs in der Abiturausbildung, habe ich nicht schon genug zu tun?

Vor diesen Fragen stand bereits im 18. Jahrhundert der uns allen bekannte deutsche Dichter Friedrich Schiller. Er hatte auf Geheiß seines Herzogs Karl Eugen das Unterrichtsfach „Propädeutik“ als Vorbereitung auf sein zukünftiges Studium auf dem Stundenplan. Er musste es also belegen – und offensichtlich geschah dies auch mit großem Erfolg.

Fast 200 Jahre hat es gedauert, bis zum Schuljahr 2001/2002 …

Da gab es an unserer Schule, die ja für Innovationen bekannt ist, die folgende Frage:

Wie kann im Rahmen der Abiturausbildung durch zielgerichtete Kompetenzbildung die Studier-fähigkeit der zukünftigen Abiturienten erhöht werden?

Frau Doktor Höfner, Fachdidaktikerin der Universität Potsdam, und Frau Kiesant, Fachlehrerin der Voltaire-Gesamtschule Potsdam, entwickelten im Auftrag des Ministeriums für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg – auch als Ergebnis eines Kooperationsvertrages mit der Universität Potsdam – ein Curriculum für „Propädeutik“.

Damit begann die Erprobungsphase eines Wahlgrundkurses, den es in dieser Form an keiner Schule der Bundesrepublik Deutschland gab.
Durch die konzeptionelle Zusammenarbeit von Fachwissenschaftlern mit der unterrichtenden Fachlehrerin war und ist bis heute der Charakter wissenschaftlich-propädeutischer Tätigkeit und des Erwerbs von Handlungswissen durch die Schülerinnen und Schüler gewahrt.

  • Er ist für alle interessierten Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 11, 12 und 13 offen und bietet durch diesen jahrgangsübergreifenden Unterricht auch besondere Möglichkeiten des Wissensaustauschs.
  • Zwei Semester (Schulhalbjahre) werden mit je drei Stunden (auch als Blockunterricht) belegt.
  • Die Bewertung (ohne Klausuren) erfolgt nach den Schwerpunkten des Kompetenzerwerbs mündlich und schriftlich, der Höhepunkt ist die selbstständige Vorbereitung, Durchführung und Auswertung eines wissenschaftlichen Kolloquiums durch die Lernenden. Die erworbene Zensur steht auf dem Abiturzeugnis!

Bausteine des Wahlgrundkurses

Die Wechselwirkung von Könnensentwicklung und Tätigkeit steht im Mittelpunkt der Arbeit. Denn eine selbst-ständige, selbstbestimmte, erprobende, reflektierende Tätigkeit der Schülerinnen und Schüler führt zu Erfolgs-erlebnissen.

1. Universität und Studium:

  • Kenntnisse über den grundlegenden Aufbau einer Universität, die Studienreform und den Bologna-Prozess, über Bachelor- und Masterstudiengänge, das Modulsystem;
  • Fähigkeiten zur selbstständigen Informationsbeschaffung über Studiengänge, Bewerbung, Eingangsvoraus-setzungen, Numerus clausus (NC);
  • Erfahrungsaustausch mit Studierenden.

2. Aufnahme und Verarbeitung von Studieninhalten – Präsentationsformen wissenschaftlicher Ergebnisse:

  • Kenntnisse über ausgewählte wissenschaftliche Arbeitsmethoden beim Texterwerb (Netzwerktechnik, Hermeneutik), über E-Learning, Präsentationsformen der Wissenschaft (Vorlesung, Seminar, Kolloquium, wissenschaftliche Konferenz);
  • Fähigkeiten zur Informationsaufnahme und -verarbeitung an exemplarischen Beispielen, betreut von Fach-wissenschaftlern der Universität Potsdam.
  • Höhepunkt: Teilnahme an einer zweitägigen wissenschaftlichen Konferenz oder einem wissenschaftlichen Kolloquium (geistes-wissenschaftlich oder naturwissenschaftlich nach Angebot).

3. Eigene wissenschaftsorientierte Tätigkeiten am exemplarischen Beispiel:

    Langfristige Vorbereitung und Durchführung eines wissenschaftlichen Kolloquiums an der Schule; dazu gehören:

  • Themenfindung in der Gruppe, Möglichkeiten eines Rahmenthemas;
  • Auswahl und Anordnung der Beiträge, Erarbeiten eines Exposés, eines Thesenpapiers, eines Referats;
  • Halten eines wissenschaftlichen Vortrags vor einer größeren Gruppe (auch mit fremden Teilnehmern) unter Nutzung unterschiedlicher Präsentationsformen, Zeitvorgabe von 20 Minuten;
  • Verteidigen der Ergebnisse, Reaktion auf eine Diskussion;
  • Moderation einer wissenschaftlichen Diskussion;
  • Zusammenfassen und Reflektieren von Arbeitsergebnissen mündlich und schriftlich.

Wie reagierten unsere Schülerinnen und Schüler auf unseren Wahlgrundkurs?

Überwiegend mit Stolz, weil Wissenschaft handhabbar wurde, auch sofort im Fachunterricht.
Sie erkannten die mit ihnen arbeitenden Wissenschaftler als Helfende. Hürden, Ängste vor einem Studium konnten abgebaut werden.

Besonders die Erfahrung, an einer wissenschaftlichen Konferenz teilnehmen zu dürfen und schon als Schüler von in- und ausländischen Wissenschaftlern ernst genommen zu werden, stärkte das Selbstwertgefühl.

Viele Ehemalige der Voltaire-Gesamtschule erzählen uns in jedem Jahr am „Tag der offenen Tür“, wie ihnen der Wahlgrundkurs „Propädeutik“ besonders den Studienbeginn erleichtert hat.

Learning by doing – danach wird auch in der Zukunft in Propädeutik gearbeitet werden.

Vielleicht sind auch Sie, die  zukünftigen Abiturienten, von unserem Konzept überzeugt?


Erika Kiesant und Anke Ulbrich